Jestetter @rchiv



"Römerbrücke" in Jestetten


Folgt man von Jestetten aus der Straße durch das Volkenbachtal in Richtung Rheinau, so kommt man an zwei mächtigen steinernen Brückenpfeilern vorbei, die einst eine Brücke über den Volkenbach getragen haben. Nach wie vor werden diese Brückenreste als "Römerbrücke" bezeichnet, ein Name, den diese Brücke lange Jahre getragen hat, der aber falsch ist: Zumindest die sichtbaren Brückenreste sind nicht römischen Ursprungs, sie stammen vielmehr aus dem 17. Jahrhundert. Nachfolgend soll die Geschichte dieser Brücke kurz beschrieben werden, nämlich als ein interessantes Beispiel für die sogenannte "Oral History".

Römerbrücke in
              Jestetten
Die "Römerbrücke" in Jestetten, links der südliche Pfeiler,
rechts der nördliche, in der Mitte der Volkenbach.


Der geologische Untergrund des Volkenbachtales besteht aus nicht gerade festen Molasseschichten. Die moderne Stra
ße von Jestetten durch dieses Tal ist deshalb auch immer wieder von Rutschungen bedroht. Und an vielen Stellen ist das "Nagen" des wilden Baches am Hang gut ersichtlich. In diesen rutschigen Untergrund hinein wurde im Jahr 1696 eine Brücke gebaut, die eine Verbindung von Schaffhausen nach Eglisau schuf. Ob sich eine ältere Vorgängerbrücke, vielleicht sogar aus der Römerzeit, an dieser Stelle befunden hat, das ist unklar. Schon kurz nach dem Bau der Brücke gibt es Klagen über den baulichen Zustand, die Qualität der Bauausführung wird angezweifelt; zumindest zu einem gewissen Teil dürften die Probleme auch mit dem schwierigen geologischen Untergrund zu tun haben. Nach wenigen Jahrzehnten muss über eine Erneuerung bzw. Neubau der Brücke diskutiert werden. Der Weg wird mehr und mehr gefährlich, dies bezeugt unter anderem eine Votivtafel in der Klosterkirche Rheinau: Ein französischer Offizier hatte diese Tafel gestiftet, nachdem er 1793 auf dem Weg verunglückt war. Die Brücke wird aufgegeben, verliert irgendwann die Fahrbahn.

Damit beginnt aber die zweite Karriere dieser Brücke. Um 1850 taucht der Name "Römerbrücke" auf. Die Einschätzung wird auch von nach Jestetten kommenden Spezialisten bestätigt. Das Forstamt stellte eine Tafel auf, die Informationen über die Brücke und die darüber führende Römerstra
ße gab. Auch auf offiziellen Karten wird der Name verwendet.

Schild Römerbrücke
Inzwischen abgebautes Schild des Forstamtes Jestetten,


Die "Chronik des Kreises Waldshut" schreibt 1956/57:
Daß Jestetten in der Zeit der Römerherrschaft ein wichtiger Platz war, ist unbestritten. Über bald zwei Jahrtausende hinweg künden die Reste der wahrscheinlich gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts über die Volkenbachschlucht erbauten Brücke von jener Zeit. Das mächtige Mauerwerk der beiden 8 m hohen erhaltenen Uferpfeiler ist aus Kalkstein und Kalkmörtel zusammengefügt. Zu beiden Seiten der Brücke, die noch zu Ende des 18. Jahrhunderts benützt wurde, stieß man auf das Kieselsteinpflaster der alten Heerstraße.

Es gab aber doch immer wieder Zweifel am Status als Römerbrücke:
Dass solche Zweifel berechtigt waren zeigte sich dann in den 1990er Jahren, als auf Grund von Untersuchungen und insbesondere dem Auffinden der entsprechenden Akten belegt werden konnte, dass es ein Bau aus der frühen Neuzeit ist. Interessant ist dabei, dass nur rund 150 Jahre zwischen Neubau der Brücke und dem Auftauchen des Begriffs "Römerbrücke"  liegen.

Auch wenn die Jestetter "Römerbrücke" gar keine solche ist, die Brückenruine im wildromantischen Volkenbachtal ist nach wie vor ein beliebtes und lohnendes Ausflugsziel.

Hinweis:

Literatur:

Jürgen Trumm:
Die "Römerbrücke" über den Volkenbach
in
Karl-Hellmuth Jahnke, Erich Danner (Hrsg):
Das Jestetter Dorfbuch
Kunstverlag Fink, 2001
Seiten 56-63

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Hrsg.):
Archäologische Denkmäler in Baden-Württemberg
Stuttgart 2002
Seite 158

Konrad Schlude

J@- Jestetter @archiv