Charlotte Grünert – Jestetter Fotografin in Berliner Ausstellung

Passfoto Charlotte Grünert mit den Ausstellungsdetails

Vom 17. April bis zum 4. Oktober 2026 läuft im Fotomuseum in Berlin die Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“. Vorgestellt werden Fotografinnen mit Bezug zur 1919 gegründeten Kunstschule Bauhaus. Eine dieser Fotografinnen ist die lange in Jestetten lebende Charlotte Grünert (1896-1979). Geboren 1896 in Meißen, studierte Charlotte Grünert zu Beginn der 1930er Jahre einige Zeit am Bauhaus und kam im Anschluss nach Jestetten, wo sie bis zu ihrem Tod ihr Fotoatelier betrieb.

Ältere Jestetter erinnern sich noch gut an die passionierte und geschickte Fotografin. Allerdings ist die Erinnerung an Charlotte Grünerth eher blass. Im Jestetter Dorfbuch aus dem Jahr 2001 sind einige ältere Gebäudefotos abgedruckt, die Charlotte Grünert gemacht hatte. Im Nachruf in der Dorfchronik von 1979 sind auch solche Gebäudefotos zu sehen, allerdings ist kein Foto zu sehen, das Charlotte Grünert selber zeigt. Der Nachruf erwähnt auch, dass Charlotte Grünert bei einer Ausstellung der Fotografen-Innung im Jahr 1949 mit ihren Farbfotos zwei erste Preise gewonnen hat; die genannten Siegerfotos „Herrenportrait“ und „Rose“ sind aber nicht abgedruckt. Es ist unklar, wo die Ausstellung war und wie diese Siegerfotos ausgesehen haben.

Zur aktuellen Ausstellung in Berlin konnte das Bildungswerk Jestetten wichtige Beiträge liefern. Neben der Bereitstellung der bekannten Unterlagen kamen auch eigene Nachforschungen hinzu. Ein wichtiger Punkt war das Auffinden einer «Meldekarte» von 1939 im Gemeindearchiv. Diese Meldekarte nennt nicht nur wichtige Punkte im bisherigen Leben von Charlotte Grünert, die Karte zeigt auch ein Passfoto: Und damit bekommt auch die Fotografin ein Gesicht. Als Leiter des Bildungswerks sichtete Dr. Konrad Schlude weitere Dokumente aus dem Staatsarchiv Freiburg.

Der Lebenslauf bleibt auch damit bruchstückhaft, aber schon die Fragmente erzählen eine spannende Geschichte. So war Charlotte Grünert von 1916 bis 1918 als Mitarbeiterin der deutschen Militärverwaltung in Rumänien im Einsatz. Da ein solcher Einsatz für junge Frauen relativ viel persönliche Freiheit bedeutete, war er entsprechend beliebt. Auch ein späterer längerer Aufenthalt in Paris wird erwähnt. Das bestätigt Beschreibungen von Charlotte Grünert als einer selbstbewussten Frau, die ihren eigenen Weg geht.

Schon früh beschäftigte sich Charlotte Grünert mit Farbfotografie. In den Jahren 1941/42 war sie aushilfsweise für den Fotografen Hermann Harz (Frankfurt/M) tätig. Dieser Fotograf hatte Beziehungen zu Nazi-Größen, und es war wohl diese Aushilfstätigkeit, die Charlotte Grünert zu Fotoaufträgen nach Berlin ins Zentrum des NS-Staates geführt hat; ohne dass sie selber ins NS-System verstrickt gewesen wäre.

Das Bildungswerk freut sich, mit den Nachforschungen zum Gelingen der Berliner Ausstellung beigetragen zu haben. Weitere Nachforschungen laufen.